Gymnastik, Sport und Tanz

Gymnastik, Sport und Tanz  / Seite 5

Als Ausdruck der richtigen, sachlichen, völligen Einstellung auf Motiv, Ziel, Zweck, als Ausdruck der immer rhythmischer werdenden Kraft schauen wir in jeder Gruppe der Übungen eine anders schattierte Einheit Sie ist immer dynamische Form, Kraft, die von Innen heraus kommt, rastlos umformend.
Im freien Tanz, dem Tanz, der frei gestaltet aus Rhythmus und Melodie, schillert die Erscheinung dieser Einheit immer wechselnd. In den eindrucksvollen Momenten des guten Tanzes, wenn das Gefühl anschwillt, wird fast jedem offenbar, wie es durch den ganzen Körper schwingt. Das geübte Auge schaut in jedem Moment der guten Tanzbewegung solch beherrschende Einheit Im freien Tanz ist diese Einheit als dynamische Form — Selbstzweck — im Sport ist sie Ausdruck des Willens zur Gipfelleistung. In beiden mag das zum Trieb und bis zur Leidenschaft gesteigerte Gefühl für Augenblicke ganz herrschen, im Tanz häufiger, länger, ausschließlicher wie beim Sport, aber meist nur, wenn vorher der bewußte Wille die kommende Bewegungskurve vorgezeichnet hat. Wie beim Sport wirken meist Trieb und zielbewußtes Wollen ineinander aber die Verbindung beider ist im Tanz elastischer, bunter und wie bei der Arbeit des bildenden Künstlers schöpferisch. Nach dem vorigen ist klar, daß wir hier nicht von den Tänzen mancher primitiven Völker sprechen, den sogenannten Naturtänzen, die in ihrer automatischen Monotonie fast wie Reflexbewegungen einer gleichmäßig taktierenden Musik erscheinen, auch nicht von einem bloßen spontanen Sich-Austollen im Tanz, weil dies zu kurzatmig ist, um Vollendetes zu gestalten. Je höher die Bewegungslust, die Siegerfreude oder die rhythmische Freude im Sport, um so mehr nähert er sich dem Tanz, um so mehr kommt der Rhythmus in Fluß. Je mehr im Tanz das rein Technische herrscht, um so mehr nähert er sich dem Sport, so bei Hölzer. Ihre Bilder haben eine geradezu akrobatische Einheit; überall Haltung, Disziplin, alles ist auf Technik eingestellt, — kein Hineinhorchen in sich oder auf eine musikalische Anregung, immer ist sie sich ihres Bewegungsbildes bewußt, bewußt der Wirkung dieses Bildes auf das Publikum. Der Sprung — streng senkrecht in die Höhe — mit angezogenen Füßen — die Fersen berühren das Gesäß — (eine Leistung, die man von den spartanischen Mädchen forderte) — nur die Beine werfen den Körper hoch, die Arme dürfen nicht wie üblich den Schwung geben, erleichtern, sondern müssen streng zur Seite bleiben. Mary Wiegmanns Sprung ist mehr ein Schwingen, erdenleicht, erdenleicht erscheint der Körper, Stoffüberwinder. Mary Wiegmann hat auch eine außerordentliche Technik, — aber immer ist die Technik Wirkung der kühnen Intuition; daher das körpergeistige In-Eins.
Der einheitschaffende Zug in den lyrischen Tanzphantasien Clothildens von Derp ist von starker Ursprünglichkeit und sicherem Wollen (wir sprechen hier von dem ersten Auftreten dieser Tänzerin). Sie erkennt, daß ihre Kraft ihre Naturfrische ist Schon in der Wahl ihrer Musikstücke, ihrer Kleider schaut Schelmerei, Koketterie, Übermut immer wieder hervor, ihre Jugendlichkeit, deren sie sich so freut, so bewußt, so genießend: das ganze Wesen tollt sich aus in Ausgelassenheit von Armen, Beinen, Rumpf, im Spiel von Augen und Kopf). Ist die Ausübende sich nicht recht klar über ihr Bewegungsbild, sind nicht die geistigen Fähigkeiten völlig daraufgesammelt, so fehlt der rhythmische Fluß in Bewegung und Empfindung: Zerfahrenes, Unausgeglichenes kommt in den Körper: die Gesichtszüge sind bestimmt, aber die Arme fuchteln; Arme und Beine wissen augenscheinlich nicht, was sie wollen, daher ein Mangel an Einheit, Lebendigkeit im Ganzen, sowie an Sachlichkeit. Bei Sacharoff ist der einheitswirkende Zug nicht so einfacher Art wie bei C. von Derp, der Tänzer versetzt sich oft in die Empfindungs- und Bewegungsskala fern abliegender Zeiten. Es ist dies ein sich Versetzen, ein sich Wegsetzen aus der Gegenwart in des Wortes eigenster Bedeutung, ein sich Herausheben aus der Tatsächlichkeit, das eine höchste Unterwerfung von Körper und Gefühl unter den Willen zum Stil, unter einen formend sichtenden Kunstverstand bedeutet.
Mit hingebungsvoll verzücktem Schwünge scheint das ganze Wollen und Empfinden sich einzuschmiegen in die Gotik: der Elan so stark, so leichtflüssig durchströmt die ganze Preziosität der sich windenden Glieder, des sich windenden Körpers, so daß jede Falte des Gewandes, alles Neigen, Beugen, Wenden der übersensitiven Leiblichkeit erscheint wie eine einzige sich windende Büßergeste.
Dann wieder ist jede Gebärde des Körpers geboren aus der seigneural leichtfertigen Grandezza des Barock, oder aus der gezierten Anmut eines späten schäferhaft tändelnden Griechentums: Hals, Arme, Beine, alles bis in die Fingerspitzen ist durchbebt von affektierter Feinfühligkeit, hinter der man die bewußt sichere Beherrschung von Technik und Effekt empfindet. Solche Bilder von Sacharoff sind so bekannt, daß sie zu reproduzieren sich erübrigt. Bei solcher Differenzierung des Empfindens ist disziplinierteste Feinfühligkeit, Ausdrucksfähigkeit nötig im Körper, um die körperlich-geistige Einheit nicht zu verflüchtigen, um die körperlichen Rhythmen im Einklang mit dem huschenden Empfinden verlaufen zu lassen. Das Streben zu solch unendlich schattiertem Ausdruck bedeutet eine Gefahr für jeden Tänzer sie kann leicht in allegorische Pantomime ausarten.