Gymnastik, Sport und Tanz / Seite 7
Natürlich ist die völlige Hingabe an den innersten und eigensten Formtrieb nur möglich, wenn der Tanz nicht bewußt gedächtnismäßige Rekapitulation noch die automatische Wiederholung einer früher erfundenen Form ist — dies völlige Herrschen des Forminstinkts setzt genaueste Kenntnis voraus, sicherstes Gefühl für den richtigen Verlauf der Bewegung, d. h. für den bewegungsgesetzlichen Verlauf (abgesehen von seltenen Glücksfällen, in denen vielleicht die sogenannte natürliche Bewegung rein erhalten bleibt). Ein Tanzender, dessen Körper nicht die bewegungsgesetzliche Schulung durchgemacht hat, wird den Körper wie ein fremdes Instrument benutzen, Bewegungen erzwingen, die dem Organismus nicht entsprechen, sein Tempo mag vielleicht rhythmisch sein, aber nicht die Kurven seiner Bewegung. Die bewegungsgesetzliche Schulung ist die Vorbedingung für die Körperbildung des Seminars.
Aus der Schule für Körperbildung hervorgegangen ist Lilly Stock. Ihre Tanzschöpfungen lassen den Weg zu umfassender Einheit erkennen. Im Gegensatz zu den meisten Tänzern, deren Tanz von einem sichtenden Kunstverstand, von einem allzu bewußten Geist gelenkt wird, läßt die Schule für Körperbildung ein Unbewußtes sich auswirken, den Körperwillen, ein Triebhaftes, ein Folgen dem Spiel der Atmung und Schwere, der Spannung und Entspannung, der Lust und Unlust, wobei die Atmung der eigentliche Impuls ist. In Lilly Stocks Tanz wirken bewußter Geist und unbewußt rhythmisierende Atmung. Ihr ist die Bewegung mit der Atmung zweite Natur geworden, Instinkt — so sehr Reflexbewegung, daß der Geist nicht bloß Hingabe sein muß an die Atmung man empfindet: die geistige Vitalität wirkt so belebend auf die Atmung, wirkt sich aus, strahlt gleichsam aus, getragen von der Atmung, in bewegungsgesetzlicher Folge durch den sich völlig hingebenden Körper bis in die äußersten Hände. — Ist die geistig- seelische Verarbeitung nicht — noch nicht,— restlos möglich — nichtformend erlebt, so erscheint dieser Körper hilflos, d. h. er vermittelt die ganze Gequältheit des konstruierenden Menschen. Er ist so völlig eins mit dem Geist, daß er alles verrät : — Daher selbst noch Einheit (relativ gesprochen) bei innerer Gespaltenheit.
Solche geistig-körperliche Struktur drängt zur Pantomime, nicht zur Pantomime alten Stils, der genrehaft liebenswürdig erzählenden, Bilderrätsel, Bewegungsrätsel konstruierenden. Von alledem ist in Lilly Stocks Tanzpantomime nur ein rein Gedankliches geblieben, alle episodischen und anekdotischen Zufälligkeiten sind abgestreift; aber das gedanklich Verstandesmäßige ist rhythmisch erlebt, mit Körper und Gefühl erfaßt — der Rhythmus bindet ja Körper, Gefühl, Geist in eins — . In Händen und Gesicht subtilisiert sich die vom Rumpf auswogende Bewegung, die weitausladende und ehe sie sich verflüchtigt, lebt sie sich aus in einmalig persönlichem Empfinden, bewußt gewolltem Empfinden, durchgeistigtem Ausdruck, bestimmt gewolltem Ausdruck. Es ist aber nicht Geschmäcklertum, Sensiblerie, Ästhetelei was spicht, — wie könnte auch sonst das ganze und große Publikum hingerissen werden — ; die Wirkung ist unmittelbar, ursprünglich mit einem Wort von großer, starker Einheit, alles strömt aus einer Mitte.
Aus der Schule für Körperbildung hervorgegangen ist Lilly Stock. Ihre Tanzschöpfungen lassen den Weg zu umfassender Einheit erkennen. Im Gegensatz zu den meisten Tänzern, deren Tanz von einem sichtenden Kunstverstand, von einem allzu bewußten Geist gelenkt wird, läßt die Schule für Körperbildung ein Unbewußtes sich auswirken, den Körperwillen, ein Triebhaftes, ein Folgen dem Spiel der Atmung und Schwere, der Spannung und Entspannung, der Lust und Unlust, wobei die Atmung der eigentliche Impuls ist. In Lilly Stocks Tanz wirken bewußter Geist und unbewußt rhythmisierende Atmung. Ihr ist die Bewegung mit der Atmung zweite Natur geworden, Instinkt — so sehr Reflexbewegung, daß der Geist nicht bloß Hingabe sein muß an die Atmung man empfindet: die geistige Vitalität wirkt so belebend auf die Atmung, wirkt sich aus, strahlt gleichsam aus, getragen von der Atmung, in bewegungsgesetzlicher Folge durch den sich völlig hingebenden Körper bis in die äußersten Hände. — Ist die geistig- seelische Verarbeitung nicht — noch nicht,— restlos möglich — nichtformend erlebt, so erscheint dieser Körper hilflos, d. h. er vermittelt die ganze Gequältheit des konstruierenden Menschen. Er ist so völlig eins mit dem Geist, daß er alles verrät : — Daher selbst noch Einheit (relativ gesprochen) bei innerer Gespaltenheit.
Solche geistig-körperliche Struktur drängt zur Pantomime, nicht zur Pantomime alten Stils, der genrehaft liebenswürdig erzählenden, Bilderrätsel, Bewegungsrätsel konstruierenden. Von alledem ist in Lilly Stocks Tanzpantomime nur ein rein Gedankliches geblieben, alle episodischen und anekdotischen Zufälligkeiten sind abgestreift; aber das gedanklich Verstandesmäßige ist rhythmisch erlebt, mit Körper und Gefühl erfaßt — der Rhythmus bindet ja Körper, Gefühl, Geist in eins — . In Händen und Gesicht subtilisiert sich die vom Rumpf auswogende Bewegung, die weitausladende und ehe sie sich verflüchtigt, lebt sie sich aus in einmalig persönlichem Empfinden, bewußt gewolltem Empfinden, durchgeistigtem Ausdruck, bestimmt gewolltem Ausdruck. Es ist aber nicht Geschmäcklertum, Sensiblerie, Ästhetelei was spicht, — wie könnte auch sonst das ganze und große Publikum hingerissen werden — ; die Wirkung ist unmittelbar, ursprünglich mit einem Wort von großer, starker Einheit, alles strömt aus einer Mitte.
Ein äußerster Gegensatz zum freien Tanz in seiner Erhöhung des individuellen Ausdrucks ist wohl der Tanz der Derwische, in dem die Individuation nach Auflösung strebt in ewigem Kreisen, Hingabe an die Zentrifugalkraft — Kreisen ohne formenden Willen; es ist, als wolle alle Eigenart der Bewegung sich vernichten, das Letzte und Eigenste sich entselbsten — , in schneller, schnellem Kreisen in wirbelnder Auflösung aufgehen im All — bis der Tanzende erschöpft zusammensinkt — unendlich belastet durch die ermattete beschränkte stumpfe Körperlichkeit. — Zur Einheit streben durch Entselbstung ist nur möglich für den Primitiven. Der selbstbewußte differenzierte Mensch der Gegenwart kann nicht zur körperlich- geistigen Einswerdung streben wie der Derwisch im unpersönlichen Rhythmus physikalischer Notwendigkeit; in Hingabe an die Zentrifugalkraft. Für den modernen Menschen entsteht das Erlebnis der Einheit im Tanz nur in einer Bewegung, die Ausdruck ist seiner Eigenart, sonst fühlt er sich im Zwiespalt mit dem Oberpersönlichen, dem Rhythmischen, das ihn faßt, durchwirkt und aus ihm herauswirkt. Damit kommen wir im Hinblick auf unsere Eingangsfrage zum Ergebnis: in den gesteigerten Momenten von Gymnastik, Sport und freiem Tanz ist ein Gemeinsames; in jeder dieser drei Disziplinen ist eine Einheit, die erzeugt wird durch den mehr oder minder rhythmischen Ablauf, in dem Persönliches und Überpersönliches ineinanderwirken. Der Ablauf in bewegungsökonomischem Sinn ist erste Voraussetzung dieser gemeinsamen Einheit, weil ohne ihn der rhythmische Verlauf unmöglich ist In der Gymnastik verblaßt gegenüber dem bewegungsökonomischen Zweck — dem gleichsam Unterpersönlichen — das Persönliche und Rhythmische, im Sport wachsen diese beiden Kräfte, die persönliche wie die überpersönliche — die rhythmische — , am stärksten sind sie im freien Tanz.
In den höchsten Momenten in Sport und freiem Tanz — in der Gymnastik sind diese Momente selten — ist der Ausübende ganz rhythmische Kraft, er fühlt sich gleichsam eins mit einem All, das rhythmische Kraft ist, — die Erde leistet dem Läufer, dem Tänzer nicht starren Widerstand, sie prallt seinen Füßen entgegen gleichsam mit den Rhythmen, die ihn selbst beschwingen, — er ist ganz Zukunft, ganz freie Entscheidung, Herr der Kräfte, die vorwärts stürmen. — Und Neues wird. — In solchen Augenblicken denkt der Ausübende nicht an Herkommen, Gebundenheiten, jene Normen, die nur gelten, weil unser Wille sich fügt. Diese Unbedingtheit offenbart sich in der Bewegung, die der Zuschauende ohne den Hintergedanken eines Zwecks „gut" nennt, die ein Gefühl von höchster Sicherheit, von Geborgenheit, Glück auslöst und aus strahlt. Es ist die Bewegung als Ausdruck der Freiheit Die Bewegung erscheint herausgehoben aus dem „Vorher und Nachher". Sie scheint nicht mehr Durchgangsmoment, — im Hinblick auf das Vorhergehende „bedingt", im Hinblick auf das folgende „Zweck". Von hier aus geschaut ahnen wir einen letzten und tiefsten Sinn in der Gemeinsamkeit von Gymnastik, Sport, Tanz — in jeder körperbildenden Übung überhaupt; wir ahnen diesen Sinn in der Überwindung des Körpers; je höher Kraft und Disziplin des Körpers — um so geringer die Widerstände, Hemmungen, die er dem Geist- Seelischen entgegensetzt, um so vollendeter wird er als dessen Werkzeug.
In den höchsten Momenten in Sport und freiem Tanz — in der Gymnastik sind diese Momente selten — ist der Ausübende ganz rhythmische Kraft, er fühlt sich gleichsam eins mit einem All, das rhythmische Kraft ist, — die Erde leistet dem Läufer, dem Tänzer nicht starren Widerstand, sie prallt seinen Füßen entgegen gleichsam mit den Rhythmen, die ihn selbst beschwingen, — er ist ganz Zukunft, ganz freie Entscheidung, Herr der Kräfte, die vorwärts stürmen. — Und Neues wird. — In solchen Augenblicken denkt der Ausübende nicht an Herkommen, Gebundenheiten, jene Normen, die nur gelten, weil unser Wille sich fügt. Diese Unbedingtheit offenbart sich in der Bewegung, die der Zuschauende ohne den Hintergedanken eines Zwecks „gut" nennt, die ein Gefühl von höchster Sicherheit, von Geborgenheit, Glück auslöst und aus strahlt. Es ist die Bewegung als Ausdruck der Freiheit Die Bewegung erscheint herausgehoben aus dem „Vorher und Nachher". Sie scheint nicht mehr Durchgangsmoment, — im Hinblick auf das Vorhergehende „bedingt", im Hinblick auf das folgende „Zweck". Von hier aus geschaut ahnen wir einen letzten und tiefsten Sinn in der Gemeinsamkeit von Gymnastik, Sport, Tanz — in jeder körperbildenden Übung überhaupt; wir ahnen diesen Sinn in der Überwindung des Körpers; je höher Kraft und Disziplin des Körpers — um so geringer die Widerstände, Hemmungen, die er dem Geist- Seelischen entgegensetzt, um so vollendeter wird er als dessen Werkzeug.