Gymnastik, Sport und Tanz / Seite 4
Wie in der Gymnastik erkennen wir auch im Sport die Kraftökonomie nicht nur als allgemeines Prinzip, sondern auch als speziellere Gesetzmäßigkeiten etwa als Gegenbewegung oder Folge. Der Speerwurf entspricht durchaus den Gesetzen der Gegenbewegung; ihre Beobachtung ermöglicht die größte Wucht in einer Richtung zu leiten: abgesehen vom Rumpf sind rechter Arm und linkes Bein die Wirker der Bewegung, linker Arm und rechtes Bein sind verhältnismäßig relaxiert, die Glieder der entgegengesetzten Körperhälften entsprechen sich in Richtung und Spannung, wir haben es also mit einer ausgesprochenen Gegenbewegung zu tun — jeder, der den Speerwurf anders auszuführen versucht, etwa indem er mit dem rechten Bein den Ausfall macht, wird sofort fühlen, wie dadurch die Wucht des rechten Armes vermindert wird. Warum hätten übrigens auch sonst die Griechen, dieses sportfreudigste Volk, das Gesetz der Gegenbewegung — abgesehen von ästhetischen Motiven. — zu einem Grundgesetz ihrer Plastik erhoben, ihrer Plastik, die doch ausgesprochen sportlich trainierte Menschen „verhältnismäßig" naturwahr darstellt. — Beispiele für dieselbe Gesetzlichkeit, welche das einheitliche Streben zu stärkstem Ausdruck bringen kann, finden sich bei den Fußballspielern und bei den Läufern. Bei den Fußballspielern erhöht die Gesetzmäßigkeit in der Bewegung den Ausdruck unbedingtesten Zielbestrebens; — die völlige Bereitschaft, die einheitliche, körperlich geistige Sicherheit beider Gruppen, der guten Läufer und der guten Fußballspieler, kennzeichnet sich auch in der sicheren Gleichgewichtsbeherrschung, die wesentlich erleichtert wird durch die Einhaltung der Gegenbewegung. Im mittleren vorderen Läufer drückt sich die freudige Zielsicherheit in einer Bewegung aus, die mit einer Gesetzmäßigkeit übereinstimmt, die zugleich mit der Gegenbewegung in Kraft treten kann, es handelt sich um den richtigen Ablauf oder das Gesetz der Folge; die Gesetzmäßigkeit der Folge, die die gesamte federnde Bewegung der Gestalt
bestimmt, wird besonders deutlich im rechten Bein; der Oberschenkel wird so kräftig nach oben gerissen, daß die Muskulatur sich hart abzeichnet, Unterschenkel und Fuß pendeln leicht; — die Rückenmuskulatur, von der die Gesamtbewegung aus geleitet wird, ist gestrafft, die Arme pendeln — ; in dieser Bewegung schafft die freudige Sicherheit das Gefühl der Überlegenheit einen besonders augenscheinlichen Rhythmus, der im einheitlichen Schwung, der einheitlichen Linie aller Glieder auch vom Moment der Aufnahme festgehalten wird. Daß solch Einheit wirkender Schwung wie eine Kraft von einer Körpergegend, etwa der Hüft- und Kreuzpartie ausstrahlen kann, veranschaulicht der Stab Hochsprung, in dem wir suggestiv empfinden, wie die Oberschenkel, Unterschenkel, Füße von dieser Mitte aus energiesiert und dirigiert werden. Solche einheitliche den ganzen Körper durchwirkende Kraft kann natürlich nur ausgelöst werden bei einem allseitig ausgebildeten, disziplinierten Körper. Ähnliches gilt für den Weitsprung. Das Ineinanderwirken von Schwung und Berechnung gestaltet den einheitlichen Körperausdruck im Sport. Im höchsten Schwung der Erregung mag das Bewußtsein ganz schwinden, aber die Bewegungsform ist das Ergebnis eines zuvor bewußt festgelegten Bewegungsbildes — jedenfalls bei der Höchstleistung, auf die es uns ankommt. Die gute gymnastische und die gute, technisch richtige sportliche Bewegung ist rhythmisch oder strebt mindestens zum Rhythmus. Die Schulung im Sinne der Bewegungsgesetzlichkeit ist, wie wir gesehen haben, Vorstufe zum Rhythmus, weil sie Spannungen und Reibungen ausschaltet, die den Rhythmus hemmen würden. Die Bewegungsgesetzlichkeit setzt sich aber aus demselben Grund auch mehr oder minder bei der sportlichen Übung durch, denn bewußt oder unbewußt sucht der Trainierende, suchen die Trainiersysteme alles auszuschalten, was den Fluß der Bewegung hemmt; das Temperament, das beim Sport mitschwingt, steigert diese Tendenz, sich rhythmisch auszuwirken. Bewegungsgesetzmäßige Disziplinierung sollte übrigens immer bewußter beim sportlichen Trainieren betont werden.