Gymnastik, Sport und Tanz

Gymnastik, Sport und Tanz  / Seite 2

Die primitivste Forderung und Notwendigkeit, die Vorstufe zu jeder höheren Einheit und überpersönlichen Bindung ist die körperlich geistige Einheit. Sie ist das primitivste, einfachste Erleben einer Einheit, der Einheit überhaupt — der Sammlung, Konzentration. Diese Sammlung finden wir in Tätigkeiten, Handfertigkeiten, Übungen, bei denen die körperliche Ordnung, gesetzmäßige Bewegung auf das Geist-Seelische zurückwirkt und das Geist-Seelische immer wieder ausstrahlt in die Bewegungen des Körpers; bei derartigen Disziplinen wird die Bewegung des Körpers nicht mechanisiert, nicht Schablone; immer aufs neu werden Schwierigkeiten überwunden und Erfindungen gemacht mit Händen, Füßen, Atmung, mit dem ganzen Körper. In solchen Tätigkeiten, Übungen gewinnen wir wieder ein Stück Kindheit, machen das ABC der geistig-körperlichen Erfahrung durch, als Synthesis und Ausgleich, für das Spezialistentum einer nur geistigen oder nur körperlichen Auswirkung. Wir kommen diesem einfachsten Einheitserlebnis näher, wenn wir körperbildende Disziplinen und Künste nicht wie bisher üblich getrennt betrachten, sondern sie in ein und dasselbe umfassende Blickfeld rücken; wir müssen ein Übergreifendes, ein Gemeinsames erfassen in diesen körperbildenden Künsten, Disziplinen; bedeutungsvoll wird die Frage: Was ist das Gemeinsame, das eindrucksvolle Gymnastik, Sport, Tanzbewegungen kennzeichnet, das uns am stärksten an ihnen bewegt, — ein Gemeinsames, das keineswegs umrissen ist mit dem Wort Technik ? Um Mißverständnisse auszuschließen bei der Erörterung dieser Frage in ihrer Paradoxie, wollen wir einige Bilder bis ins Einzelnste betrachten. Im Angriffsmoment zum Pendel aus dem Gymnastiksystem Mensendieck fallen am Ausübenden die gestrafften Sehnen des Fußgelenkes auf, die straffen Gesäßmuskeln, die ausgeprägte Schultermuskulatur, das energisch abgeschlagene Handgelenk.
Bei genauerer Betrachtung erkennen wir die Zeichen körperlicher Anspannung nicht nur in diesen Hauptakzenten, sondern auch an den prallen Waden und Schenkeln, der angezogenen Haut des Torso. Die Anspannung geht also durch den ganzen Körper und zwar mit gleichmäßigem Kraftaufwand, sie ist völlig bewußt, zielsichere Vorbereitung, völlige Bereitschaft zu einer Übung. Alle Gedanken des Schülers sind gerichtet auf den planmäßigen Aufbau im Anspannen der Gesamtmuskulatur. In der folgenden Übung ist der bewußte Wille des Schülers nicht auf die Anspannung der Gesamtmuskulatur gerichtet sondern auf eine einseitige Muskelarbeit, auf die Rumpfneige in der seitlichen Ebene. In der rhythmischen Übung von Dr. Bode kommt es an auf völlige Schwerpunktverlagerung, die Beherrschung des Gleichgewichts macht alle Glieder frei, die Gestalt ruht in sich selbst, so daß keine Spur von angestrengtem Balancieren die Bewegung in Händen oder Armen hemmt. Die Konzentration auf eine bestimmte Bewegungslinie erwirkt die überzeugende Einheit in der Oberkörperspirale. Der Oberkörper kreist in halb bis viertels Drehung um die eigene Achse, der Rhythmus, der nicht nur in der Bewegung, sondern auch in der Silhouette der Gestalt ausklingt, macht die Einheit wirkende Drehung um so suggestiver. Bei diesen gymnastischen Übungen, — denen auch die von Dr. Bode beizurechnen ist, obwohl sie zu einer weiteren Art der Gymnastik, der rhythmischen Gymnastik, den Übergang bildet, — wird eine intensiv bewußte Arbeit geleistet, die jeder kennt, der derartige Kurse besucht hat. Der Schüler weiß, welche Muskeln arbeiten sollen, welche ruhen. Er kennt den Sinn seiner Übung, und die sichere Einstellung auf den Ablauf der Bewegung prägt in jedem Moment der Übung den ganzen Körper aus, Einheit schaffend in Rumpf und Gliedern, sie gibt dem ganzen Körper den Ausdruck von einheitlichem Streben.