Gymnastik, Sport und Tanz / Seite 6
Für Spitzengang — der beim Ballet ganz selten eine seelische Beziehung zu Rumpf- und Armbewegung hat — für Spitzengang wirkt außerordentlich einheitlich ein von Ellen Petz in Ballettechnik ausgeführter Tanz. Bewußter Wille und Gefühl durchdringen sich. Das achtsame Auge, der halbgeöffnete Mund, die etwas steif pendelnden Arme, die behutsamen Fingerspitzen, der über das Gleichgewicht hinausstrebende Schwerpunkt, alles deutet auf gewollt sicheres Nahen, auf zierlich kokette Behutsamkeit, ein Eindruck, der durch die leisen Zehenspitzen nochmals einen Akzent erhalt Und bei all der pantomimischen Symbolik jeder Gebärde wirkt das Ganze nicht zusammengesetzt, wir fühlen den einen Impuls, der in allen Gliedern lebt, den Ausdruck erhöhend, straffend. Eine eigenartige Stellung nehmen die Tänze der Schule für Körperbildung, Handwerk und Landbau ein. Während im Kunsttanz der bekannten Tänzer, Kunstverstand und musikalischer Rhythmus die Einheit schaffende Dominante wesentlich bestimmt, ist in Übung und Tanz dieser Schule die Atmung, die Einheit wirkende, die konzentrierende Kraft, die durch Musik gelegentlich angeregt, gesteigert wird. Diese Art von Gymnastik und Tanz ist noch so wenig bekannt, daß zu ihrem Verständnis ein weiteres Ausholen nötig ist. Meist erst nach längerem sorgfältigem Üben verschiedener Art ist die Schülerin imstande, ihre Bewegung von der Atmung regulieren zu lassen: Die Maße der Aus- und Einatmung wirken augenscheinlich schon rhythmisierend im Kreislauf des Blutes, im Taktschlag des Pulses, tragen den Atemrhythmus durch den ganzen Körper. Die Maße der Atmung wirken und durchwirken aber noch in einer zweiten Wellenbewegung den ganzen Körper stärker oder schwächer, je nachdem man Bewegung und Spannung der Muskulatur von ihr frei fassen läßt oder stört und hemmt: wer auf die Atmung achtet, fühlt nach einiger Übung, wie das Heben und Senken der Brust auf Kopf, Rumpf und Glieder wirkt — die Arme sind ja „am Schultergürtel befestigt, diese an der Wirbelsäule und am Brustkasten", Brustkasten und Wirbelsäule werden durch das Becken getragen und dieses von den Beinen etc. Das Heben und Senken der Brust muß sich also im ganzen Körper fühlbar machen. Es ist klar, je mehr der bewußte Wille sich ausschaltet, um so mehr können die Bewegungen des Körpers durch die Atmung reguliert werden: die Intensität der Bewegung durch die Atemkraft, Zeitmaß und Bewegungskurve durch den Atemrhythmus. Bewegung und Musik steigern Zeitmaß und Atemkraft und die wachsende Atemkraft steigert wieder rückwirkend die Schwingung der Bewegung; Einatmung ist Spannung, die Ausatmung Entspannung, Relaxiren: mit dem Atemholen hebt sich der Oberkörper, entsteht ein Druck nach unten, spannen sich die Muskeln, die Schwerkraft wird überwunden — , mit der Ausatmung entspannen sich die Muskeln, Rumpf und Glieder sinken zurück, wie es die Schwere will, aber je stärker der Impuls, die Lust bei der Einatmung, um so länger wirken die spannenden Kräfte in die Zeitmaße der Entspannung, überwinden wie ein Schwungrad die toten Punkte.
Im Sprunglauf schnellt der atemgespannte Körper mit Sicherheit vor. Es folgt als beginnende Ausatmung das „Halt", sich kennzeichnend im Widerspiel zwischen Unter- und Oberkörper; das rechte Bein folgt schon willig dem Halt, das, der Oberkörper verlangt, während das linke vorspringt so wirkt der Unterkörper wie eine Unterstreichung des Spiels der Arme. Wiederum die Atemschwankung, der Übergang zwischen Ein- und Ausatmung, kommt ausgeprägt zur Erscheinung, einmal verstärkt durch den versunkenen Gesichtausdruck; das andere Mal ist der Körper so Expression geladen, daß es keiner Mimik bedarf.
Auch Gruppen können von einer Atmung getragen werden, einer sich durchsetzenden Atmung; das „Miteinander" wird in völligem Entgegenkommen bei ausgeprägtester Eigenart und Selbständigkeit der Einzelnen ein Ruhen in sich. Der Tanz „Seltsam" bedarf keiner weiteren Erläuterung, wehrt sich sozusagen in seiner herben Geschlossenheit gegen Besprechen, Zerpflücken. In all diesen Übungen der Schule von Dirlos in ihrer Vielseitigkeit, ist ein Gemeinsames nicht zu verkennen:
Von den schaffend rhythmischen Atemkräften läßt die Ausübende sich leiten zu immer neuen Bewegungsfolgen in unendlicher Melodie. Die Schülerin horcht gleichsam in sich, bis sie in Armen, Beinen, Rumpf, das schwellende Leben der Atmung fühlt, der kommenden, gehenden Luft und der Kräfte sammelnden Atempause, den Rhythmus, der in Lunge, Herz und kreisendem Blut schwingt — nach Art eines jeden — ewig wechselnd nach Stimmung, Regung und Bewegung und doch sich selbst gleich wie das Eigenste in uns, das von einem Überpersönlichen getragen wird. Diese Übungen haben etwas, das sie zu den anderen Tänzen in Gegensatz bringt: Die Atmung wird nie überspannt, forciert der Atemrhythmus selbst bestimmt ja den Aufwand an Muskelkraft, Körper und Wille geben sich der Atmung hin, keine Bewegungen entstehen, die unserem Wesen widersprechen. — Intensiv versonnen ist der Gesamtausdruck, die Formkraft, das überpersönlich Rhythmische ist hier eins mit unserem Wesen. Die Atmung als Puls, Dynamik des Körpers erwirkt Bewegungen voll Ebenmaß, durch das ganze Wesen klingt eine große Harmonie. Der Ausübende ist bei aller Fülle der Bewegung ganz versunken, ist ganz in sich lauschende Hingabe. Persönliches und Oberpersönliches sind in höherem Einklang — als anderswo: das Selbstbewußte, so augenscheinlich in den anderen Tanzbildern, ist geschwunden — der Verstand hat nicht wie bei den anderen die Aufgabe, die Klänge in Bewegungen zu übersetzen, die Körperbewegung mit einem von außen kommenden Prinzip zur Übereinstimmung zu bringen, — zu zwingen, — es fehlt die Gebärde des triumphierenden Willens, der Herr wird über den Körper, die bewußt sichere Miene der Muskelbeherrschung; die Beherrschung ist selbstverständlich geworden. Der Anstoß zur Einswerdung zum Erlebnis der Einheit — strömt aus dem Eigensten, dem Selbst: falscher Klang, Weise, die dem überpersönlichen Eigenrhythmus nicht entspricht, kann ja das Erleben der Einheit und Freiheit im Körpergefühl nicht hemmen.
Auch Gruppen können von einer Atmung getragen werden, einer sich durchsetzenden Atmung; das „Miteinander" wird in völligem Entgegenkommen bei ausgeprägtester Eigenart und Selbständigkeit der Einzelnen ein Ruhen in sich. Der Tanz „Seltsam" bedarf keiner weiteren Erläuterung, wehrt sich sozusagen in seiner herben Geschlossenheit gegen Besprechen, Zerpflücken. In all diesen Übungen der Schule von Dirlos in ihrer Vielseitigkeit, ist ein Gemeinsames nicht zu verkennen:
Von den schaffend rhythmischen Atemkräften läßt die Ausübende sich leiten zu immer neuen Bewegungsfolgen in unendlicher Melodie. Die Schülerin horcht gleichsam in sich, bis sie in Armen, Beinen, Rumpf, das schwellende Leben der Atmung fühlt, der kommenden, gehenden Luft und der Kräfte sammelnden Atempause, den Rhythmus, der in Lunge, Herz und kreisendem Blut schwingt — nach Art eines jeden — ewig wechselnd nach Stimmung, Regung und Bewegung und doch sich selbst gleich wie das Eigenste in uns, das von einem Überpersönlichen getragen wird. Diese Übungen haben etwas, das sie zu den anderen Tänzen in Gegensatz bringt: Die Atmung wird nie überspannt, forciert der Atemrhythmus selbst bestimmt ja den Aufwand an Muskelkraft, Körper und Wille geben sich der Atmung hin, keine Bewegungen entstehen, die unserem Wesen widersprechen. — Intensiv versonnen ist der Gesamtausdruck, die Formkraft, das überpersönlich Rhythmische ist hier eins mit unserem Wesen. Die Atmung als Puls, Dynamik des Körpers erwirkt Bewegungen voll Ebenmaß, durch das ganze Wesen klingt eine große Harmonie. Der Ausübende ist bei aller Fülle der Bewegung ganz versunken, ist ganz in sich lauschende Hingabe. Persönliches und Oberpersönliches sind in höherem Einklang — als anderswo: das Selbstbewußte, so augenscheinlich in den anderen Tanzbildern, ist geschwunden — der Verstand hat nicht wie bei den anderen die Aufgabe, die Klänge in Bewegungen zu übersetzen, die Körperbewegung mit einem von außen kommenden Prinzip zur Übereinstimmung zu bringen, — zu zwingen, — es fehlt die Gebärde des triumphierenden Willens, der Herr wird über den Körper, die bewußt sichere Miene der Muskelbeherrschung; die Beherrschung ist selbstverständlich geworden. Der Anstoß zur Einswerdung zum Erlebnis der Einheit — strömt aus dem Eigensten, dem Selbst: falscher Klang, Weise, die dem überpersönlichen Eigenrhythmus nicht entspricht, kann ja das Erleben der Einheit und Freiheit im Körpergefühl nicht hemmen.