Fritz Hanna Winther (1920)
Aus dem Ahnen, Suchen und Streben unserer Zeit nach Konzentration und Sammlung und überpersönlicher Bindung, aus dem kosmischen Atem in Kunst und geistigen Wesenheiten spricht die große Sehnsucht, die Sehnsucht nach Einheit von Ich und Welt, und in dem suchenden Willen zum Eigenrhythmus verzehrt sich diese Sehnsucht in der polaren Gespaltenheit — Hinter Sehnsucht und Ahnung zurück und doch der Erfüllung näher einen tastenden Schritt sind solche, die in exakter Arbeit begrenzt, Wirken und Forschen auf das Nächstliegende und Primitivste gerichtet haben auf den Urgrund, wo Seelisch‐Geistiges und Körperliches noch ungespalten ineinander wirken und ruhen. Es ist eine Gruppe von Suchenden, die weit von einander entfernt doch alle wie vom Schwung einer unsichtbaren Sphäre erfaßt sind: Karl Bücher fand und erforschte den unaufhaltsamen Drang zur wogenden Gesetzmäßigkeit der Bewegung bei Völkern und Menschen primitivster Struktur, er suchte die unendliche und gleichförmige Melodie der einfach monotonen Arbeiten, den Sinn der Arbeitsgesänge. Rutz — vom Gesang — Sievers — von metrischen Forschungen ausgehend — erkannten einen Eigenrhythmus des Sängers, Dichters, des Vortragenden, glauben Mittel gefunden zu haben, diesen Rhythmus rein zu wecken in jedem, sehen seine Voraussetzung und Zusammenhänge in der jeweiligen Körperstruktur, Körperhaltung begründet. Spiegelung entsprechender Tatsachen fand Klages beim Studium der Schriftzüge. Der Mediziner Karl Ludwig Schleich erforscht auch in der Arbeit der Gedanken einen rhythmischen Verlauf seine Wechselwirkung mit den körperlichen] Funktionen. Manche Methoden moderner Gymnastik glückt es bald mehr bald minder die körperlich geistseelische Individualität von Verkrampfung, Schablone, Pose zu befreien, bis der Wesensrhythmus beglückend schwingt im freien Spiel der Einheit. — Wie stark das Sehnen, das nach Erfüllung ringt — wenn auch bescheiden — in solchen Arbeiten, dafür zeugt die bis zum Religiösen sich steigernde Begeisterung, welche Dalcroze und die rhythmische Gymnastik auslöste, die Begeisterung, mit welcher der freie rhythmische Tanz von Isidora Duncan aufgenommen ward.
Es hat eine tiefe Deutung, dieses Suchen nach den verloren gegangenen Rhythmen, den körperlich‐geist‐seelischen. Ohne den Rhythmus am eigenen Leib zu erleben, leibhaft und wesenhaft — können wir nie jene polare Gespaltenheit überwinden, die sich ausdrückt in der Zweiheit von Körperlichkeit und Wille, Gefühl, Verstand — Folge des Spezialistentums, — die sich kennzeichnet als Zerrissenheit der steten Selbstbeachtung des Analytikers, in welcher alles naive und volle Erleben verblaßt, als Zerrissenheit im Handeln der ethischen Lauen — Folge des Analysierens, als Gespaltenheit des Willens zum Glauben, der nicht glauben kann.
Es hat eine tiefe Deutung, dieses Suchen nach den verloren gegangenen Rhythmen, den körperlich‐geist‐seelischen. Ohne den Rhythmus am eigenen Leib zu erleben, leibhaft und wesenhaft — können wir nie jene polare Gespaltenheit überwinden, die sich ausdrückt in der Zweiheit von Körperlichkeit und Wille, Gefühl, Verstand — Folge des Spezialistentums, — die sich kennzeichnet als Zerrissenheit der steten Selbstbeachtung des Analytikers, in welcher alles naive und volle Erleben verblaßt, als Zerrissenheit im Handeln der ethischen Lauen — Folge des Analysierens, als Gespaltenheit des Willens zum Glauben, der nicht glauben kann.